Kraftvolle, expressive Bilder mit hohem Symbolcharakter

Ausstellung im Haus der Donauschwaben Sindelfingen Vernissage des Malers Helmut Scheibling

Am 20. Juni 2015 hatte das Haus der Donauschwaben in Sindelfingen zur Eröffnung der Ausstellung: „Banater Odyssee“ mit Gemälden von Helmut Scheibling eingeladen.

Gekommen waren eine große Anzahl von Gästen, die Familie und viele Freunde des Banater, nun Stuttgarter Künstlers und zahlreiche Kunstinteressierte, die Helmut Scheibling kennen und schätzen gelernt haben.

War es ein Zufall, dass die Vernissage gerade auf den ersten bundesweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung fiel? Wenn ja, dann war es ein glücklicher, denn auch Scheiblings Oeuvre widmet sich diesem Thema ausführlich.

Helmut Scheibling sei eine vielseitige Persönlichkeit, so die Geschäftsführerin des Hauses der Donauschwaben, aber vor allem sei er als Maler, in donauschwäbischen Kreisen bekannt und geschätzt. Durch seine zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, seine Preise und Auszeichnungen genieße er auch in Fachkreisen hohes Ansehen. Im Haus der Donauschwaben seien Gemälde von Helmut Scheibling nach Ausstellungen 1982 und 1998 nun schon zum dritten Mal zu sehen, erinnerte Mojem. Diesmal aber präsentiere Scheibling einen Querschnitt seines Oeuvres, das sowohl seine Vielseitigkeit als auch seine künstlerische Entwicklung aufzeigt.

Besonders begrüßt wurde ein enger Freund Scheiblings, der Künstler und Kunstpädagoge Joseph Ed. Krämer, zurzeit Leiter des Kultur- und Dokumentationszentrums der Landmannschaft der Banater Schwaben in Ulm. Er führte anschließend in die Ausstellung ein.

Die musikalische Umrahmung der Vernissage leistete André Weiß, ein Student der Musikhochschule Stuttgart, dessen Spezialfach der Jazz ist. Dem Wunsch des Künstlers entsprechend, hatte der Pianist passende Jazz-Titel zur Ausstellung ausgesucht.

Unter den Ehrengästen befanden sich Altstadtrat Walter Frohnmayer, der Vertreter des Gemeinderats und des Patenschaftsrates der Stadt Sindelfingen Hasso Bubolz, die Ehrenvorsitzende der Landsmannschaft der Banater Berglanddeutschen, Herta Drozdik-Drexler sowie der langjährige Kulturreferent der Landsmannschaft der Banater Schwaben, Dr. Walther Konschitzky.

Kunst sei für Helmut Scheibling immer eine moralische und ästhetische Aufgabe, so Henriette Mojem weiter. Seine Bilder seien anspruchsvoll. Der bekannte und beliebte Rundfunkpfarrer Anselm Graf Adelmann bezeichnete sie als „Kunst eines Gebildeten für Gebildete.“ Scheiblings Werke seien eng mit seinem Lebenslauf verbunden. Als Ergebnis der Beschäftigung mit der eigenen, herkunftsgebundenen Kultur und Geschichte entstand eine eindrucksvolle Zahl von künstlerisch niveauvollen Arbeiten. In der „Banater Odyssee“ vermische sich die griechische Sagenwelt mit dem privaten Schicksal des Malers. Scheibling verarbeite darin das Trauma seiner Familie, das zum Trauma der ganzen donauschwäbischen Volksgruppe geworden ist. Vertreibung, Flucht und Aussiedlung aus der angestammten Heimat hätten eines gemeinsam: die Entwurzelung als Folge des Heimatverlustes. Sie unterscheide sich nur durch die „Qualität“. Auch bei den Banater Schwaben, für die Helmut Scheibling spreche, habe die Entwurzelung viele Facetten: der Kulturschock, die Konfrontation mit grundsätzlich veränderten Lebenssituationen, die Zerrissenheit, der Zwiespalt zwischen Abgrenzung und Anpassungswilligkeit. Die wirtschaftliche Integration der Banater Schwaben sei mühelos und schnell erfolgt. Und was die soziale und kulturelle Eingliederung anbelangt, können banatdeutsche Aussiedler in Deutschland von Glück reden: Sie genießen großzügige Unterstützung zur Pflege ihrer Kultur und Traditionen sowie zur Wahrung ihrer Rechte. Dafür trete die Bundesregierung als Garant auf. Das Patenland Baden-Württemberg, die Patenstadt Sindelfingen sowie die donauschwäbischen Landsmannschaften erleichterten das Wurzel fassen, das Einleben und die Pflege der Traditionen. Dennoch bleibe ein großer Zwiespalt: zwischen dem Wunsch, sich anzupassen und dem, sich selbst treu zu bleiben. Jetzt gehe es um Identitätsbewahrung, Integration oder Assimilation, das Aufgehen in der deutschen Gesamtbevölkerung. Für den Maler Helmut Scheibling bedeute die Umsiedlung von Rumänien nach Deutschland nicht nur die Konfrontation mit grundsätzlich veränderten Lebenssituationen, sondern auch die unmittelbare Begegnung mit der internationalen Kunstszene der Gegenwart, die er uneingeschränkt registrieren und verarbeiten konnte.

Scheiblings Bilder seien kraftvoll, expressiv und hätten einen hohen Symbolcharakter, unterstrich Mojem. Wer sich darauf einlasse, werde schnell die Überzeugung gewinnen, dass sich hier vitale künstlerische Gestaltungskraft und philosophischer Tiefblick die Waage halten.

Man solle in einen Dialog mit den ausgestellten Gemälden und Zeichnungen treten und sich mit dem geistigen Kern dieser Arbeiten auseinandersetzen, empfahl die Rednerin. Die Belohnung dafür werde sein, dass kaum jemand, die in den Kompositionen verborgenen Chiffren, und derer gibt es unzählige, vergessen werde.

Festzustellen sei ferner, dass es Helmut Scheibling in seinen Werken nicht nur um die Verarbeitung von Traumata gehe, sondern auch um die Vermittlung von Wissen über das Schicksal seiner Volksgruppe, dargestellt mit den Mitteln der Kunst. Besonders erwähnenswert sei hier sein Triptychon, die Fortsetzung von Stefan Jägers Einwanderungsbild. Sein Gesamtwerk sei als ein wertvoller Beitrag zur Weiterführung und Weiterentwicklung südostdeutscher Kulturtraditionen, als Teil der gesamtdeutschen Kultur zu werten.

Doch es wäre ungerecht, würde man den Künstler auf die genannten Themen reduzieren, zumal Scheibling auch mit religiösen Themen, mit Collagen und Blumenbildern überrasche.

Mit der Ausstellung von Helmut Scheibling wurde in Sindelfingen erneut ein Schatz aus dem sicherlich noch lange nicht erschöpften Fundus des donauschwäbischen Kulturerbes vorgestellt. Die Palette ist weit gespannt: neben expressiven, symbolhaften Gemälden, stehen Collagen, Zeichnungen, ein besonders aussagekräftiger Kreuzweg allerdings unorthodox mit 15 Stationen, da die Auferstehung erst als Endpunkt gesehen wird (dazu weiter unten eine Deutung), erweiternd kommen farbenfrohe Blumenbilder hinzu.

Scheiblings Bilder zeugten letztendlich von ungebrochenem Lebensmut, von einem unbesiegbaren Glauben an das Gute im Menschen und an die Wahrheit, von einem Mut zum immerwährenden Neuanfang, resümierte Henriette Mojem.

Der Künstlerfreund des Ausstellers, Joseph Krämer, begann seine mit Anekdoten aus der gemeinsam erlebten Zeit gespickten Ausführungen mit einem Zitat aus dem Munde Scheiblings: „Eigentlich war die Malerei bei mir keine angeborene Sache. Das Temeswarer Künstlermilieu (…) hat mich für die bildende Kunst gewonnen.“ Wer sich so bescheiden äußere wie Helmut Scheibling in einem Interview 1980, sei weit entfernt von dem aufgeblasenen zerfressenden Egozentrismus vieler Zunftgenossen, schickte Krämer voraus, bevor er die „bewegte Biographie“ des 1940 in Temeswar geborenen Künstlers nachzeichnete: 1964 Abschluss des Studiums an der Temeswarer Fakultät für Bildende Kunst, später Museologie-Studium in Bukarest, 1964-1981 Kunsterzieher (unter anderem in Reschitza), 1981 Aussiedlung nach Deutschland, 1982-1983 Studium der Denkmalpflege an der Universität Bamberg, 1983-2003 Lehrer für Bildende Kunst in Stuttgart. Aus den weiteren Ausführungen des Laudators veröffentlichen wir nachträglich die wesentlichen Passagen.

Trotz knapper Freizeit malte Scheibling fleißig weiter und nahm regelmäßig und immer häufiger an kollektiven Ausstellungen des Künstlerverbandes teil. Er suchte seinen eigenen Stil zu entwickeln und experimentierte mit verschiedenen technischen Ausdrucksmitteln. 1971, kurz nach seinem Umzug nach Reschitza, eröffnete Scheibling hier seine erste persönliche Ausstellung. Von nun an galt er in der Kunstszene als etabliert und seine Bilder wurden sowohl in Temeswar als auch an anderen Orten ausgestellt. In seinem Reschitzaer Atelier komponierte Scheibling die Bilder erst als kleine Entwürfe im Zündholzschachtel-Format. Die besten Lösungen wurden dann als Gemälde verwirklicht. Man könne einwenden, diese Malart verlöre an Spontaneität. Die sichtbare Wucht oder Leichtigkeit der Pinselführung bewiesen das Gegenteil. Diese Arbeitsweise und die breite Skala seiner Farbmischungen (von aggressiv-leuchtend bis stumpf-matt) garantieren die Einmaligkeit jeder Komposition des Malers.

Ein für den Künstler fast exotisches Erlebnis sollte der im Jahre 1979 erfolgte Aufenthalt in der Künstlerkolonie Deliblata werden. Der ungewöhnliche Anblick der malerischen Sanddünen und das offene, lockere Wesen der jugoslawischen Maler und Bildhauer wird ihn begeistern. Die mehr an dem Westen orientierte Kunst in Titos Land war viel liberaler als die in der immer engstirniger werdenden Bukarester Diktatur, der Scheibling 1981entkam.

Auch in seiner neuen Heimat blieb der Erfolg nicht aus: Als Mitglied des Verbandes Bildender Künstler in Baden-Württmberg und des Kunstvereins der Diözese Rottenburg ist Helmut Scheibling dauernd bei wichtigen Ausstellungen präsent. Seine Werke bekommen lobende Pressekommentare. Des Öfteren hat er auch mit seinen Banater Künstlerkollegen ausgestellt, zuerst 1983 in Pforzheim, dann 1988 in Nürnberg. Das hier ausgestellte Triptychon „Wider des Vergessen“, ist eine zweite (ergänzte) Version des 1994 beim Ulmer Schwabentreffen ausgestellten Gemäldes. Thematisch ist das Bild ein Gegenstück zum bekannten Gemälde des Hatzfelder Künstlers Stefan Jäger, der Anfang des 20. Jahrhunderts die deutsche Kolonisation des Banats in drei Phasen dargestellt hat: Wanderung, Rast und Ankunft. Scheiblings Bild ist dynamischer und voller symbolhafter Handlungen: Im ersten Teil wird der Spruch „Dem ersten der Tod, dem zweiten die Not und erst dem dritten das Brot.“ bildlich dargestellt, der größere Mittelteil ist zweigeteilt: die linke Seite wird von Kerweihtreiben beherrscht, während die rechte Seite vom hereinbrechenden politischen Unheil kündet: Nationalsozialismus, Krieg, Kommunismus, Enteignung, Deportation, Tod. Der rechte Schlussteil des Gemäldes thematisiert bildlich das Feilschen um die Pässe, den schändlichen Verkauf der Deutschen, die Endphase, also die Aussiedlung in die Bundesrepublik.

Eine Deutung des Bildes mit der Sanduhr bietet uns die Biografie von Scheibling: Er war drei Jahre lang von seinen Lieben getrennt, deshalb schaut der Erzengel Michael traurig und hilflos zum Künstler empor. Konzentriert starrt der Künstler auf die Sanduhr, er hofft und hofft… Der Erzengel als Bildzitat stammt aus der „Melancholie“, einem bekannten Kupferstich von Albrecht Dürer. Scheibling verwendet nochmals diesen Engel in der Komposition mit dem sperrigen Titel: „Du kannst das Diesseits nicht sehen, wenn du das Jenseits nicht wahrnimmst.“ Hier wendet sich der Maler ausgestattet mit Palette und Staffelei dem Erzengel Dürers zu. Dieser ist ganz in blau und ist Teil des Jenseits. Hinter der Staffelei tummeln sich die Fabeltiere des Diesseits und den Rest des Bildes füllt die Masse der Gaffer aus, die nicht anonym dastehen, sondern recht individuelle Gesichtszüge bekommen haben.

Auch den Banater bildenden Künstlern hat Helmut Scheibling ein Gruppenporträt gewidmet. Sie sitzen „Alle in einem Boot“. Obwohl ihre Gesichtszüge vom Maler leicht verfremdet wurden, kann man die dargestellten Personen dennoch leicht identifizieren. Alle sind mit gleicher Sympathie dargestellt, niemand wurde ausgelassen – eine bemerkenswerte Geste!

Das Bild mit dem Titel „Enttäuscht von den Folgen“ ist eine Warnung an diejenigen, die sich von Ideologien verführen lassen. Da sitzen zwei Avantgardisten der Kunst: Majakowski und Rodtschenko. Beide, wie viele andere auch, wollten die moderne Kunst in den Dienst der Proletarischen Revolution stellen. Doch die brauchte das „entartete Zeug“ nicht und polte die Kunst auf Kitsch um. Die Monumentalskulptur „Arbeiter und Kolchosbäuerin“, das bekannte Logo des Vorspanns jeder Mosfilm-Produktion, definiert das kulturpolitische Umfeld.

Scheiblings Bilder wirken farblich ausgewogen, die Figuren sind mal statisch mit maskenhaften Gesichtern, mal in verrenkter Haltung, wie eine eingefrorene Momentaufnahme. Die Menschenbündel stehen kompakt und scheinen das Geschehene zu kommentieren, wie ein Chor in der antiken Tragödie. Das Bestiarium der purzelnden nackten oder behaaren Fabelwesen gibt den Bildern die vom Künstler intendierte bizarre, unheimliche Wirkung.

Die ausgestellten Papierarbeiten holen uns zurück in die faszinierende Welt des Einfachen, Überschaubaren. Mal mit leichtem, mal mit kräftigem Pinselduktus zeichnet der Maler ausdrucksstarke Köpfe, einige davon waren als Vorarbeiten für das Triptychon gedacht. Der letzte Bereich der Ausstellung zeigt eine Serie von Gouache-Skizzen, bestehend aus 15 Blättern, die den Kreuzweg darstellen. Fünfzehn deshalb, weil Scheibling den 14 klassischen Stationen noch unorthodox die Auferstehung beifügt. Es sind Etüden, die einen tieferen emotionalen Bezug des Künstlers zum biblischen Stoff erahnen lassen.

Joseph Ed. Krämer zog folgendes Fazit: „Mit seiner sowohl thematisch wie auch maltechnisch abwechslungsreichen Auswahl von Bildern beweist Helmut Scheibling, dass er es ein Leben lang verstanden hat, sein Dasein zwischen pädagogischer Arbeit, Staffelei und Familie im Griff zu haben. Chapeau!“ Dem kann sich der Betrachter nur anschließen. Die Ausstellung war bis zum 5. September zu sehen.

Hans Vastag

Mitteilung der Redaktion:

Eben erreichte uns die traurige Nachricht,

dass Herr Helmut Scheibling

völlig überraschend am 20. August 2015 verstorben ist,

genau zwei Monate nach seiner Vernissage im Haus der Donauschwaben.

Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen.